Interview Monika Loerchner

27.05.2017
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© Monika Loerchner
© Monika Loerchner

Monika Loerchner wurde 1983 geboren und machte 2007 ihren Magisterabschluss in Vergleichender Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Als Nebenfächer studierte sie Friedens- und Konfliktforschung und Rechtswissenschaften. Anschließend ließ sie sich zur Projektmanagerin ausbilden. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in ihrer Heimat im Sauerland. Erste Schreiberfahrungen machte sie bereits zu Schulzeiten als freie Mitarbeiterin einer Tageszeitung. Seit 2015 nimmt sie an Schreibwettbewerben verschiedener Genre teil.

Quelle: acabus Verlag

Du wolltest mit deiner Geschichte »Hexenherz. Eisiger Zorn« vermitteln, dass negative Eigenschaften viele Gesichter, aber kein Geschlecht besitzen. Wie kamst du auf diesen Gedanken und wie hat dieser sich weiterentwickelt?

Ich habe mich schon oft mit dem Thema „Geschlechterkampf“ beschäftigt bzw. bin von anderen Menschen darauf angesprochen worden. Darunter waren Extreme aller Positionen: Frauen, die absolut männerfeindlich sind und Männer, die absolut frauenfeindlich sind. Die verbreiten auch im Internet teilweise Aussagen, bei denen einem einfach nur schlecht wird. Zum Glück sind solche Menschen in der Minderheit und das soll auch bitteschön so bleiben! Das bedeutet jedoch nicht, dass unser Alltag frei ist, von unauffälligeren Formen der (gegenseitigen) Diskriminierung allein aufgrund des Geschlechts. Ich habe das unbehagliche Gefühl, dass die Gleichstellung der Frau noch nicht abgeschlossen ist, während gleichzeitig die Diskriminierung der Männer zunimmt. Dem möchte ich gerne entgegenwirken und auch durch mein Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass dieser ganze Wahnsinn aufhört und sich alle Parteien mal darauf besinnen, dass sie in erster Linie Menschen sind.

Männliche Leser werden mit deiner Geschichte im ersten Moment auf eine unangenehme Weise überrascht, da Männer in dieser fiktiven Welt unterdrückt werden. Wie sind die Reaktionen bisher?

Unterschiedlich. Ich bekam bereits von ein paar männlichen Freunden/Verwandten die Frage gestellt, warum sie so ein Buch überhaupt lesen sollten, wenn darin doch Männer diskriminiert werden würden. Als ich das zum ersten Mal hörte, musste ich wirklich lachen und habe dann erklärt, dass das anders herum auf so ziemlich jeden historischen Roman zutrifft, den ich als Frau lese. Das hat die Fragenden dann überrascht und brachte sie zum Nachdenken.
Ein anderer Leser sagte mir, dass ihm erst durch das Buch aufgefallen sei, wie oft Frauen noch immer diskriminiert werden. Dessen war er sich vorher nicht bewusst.
Die deutlichste Reaktion bislang ist jedoch, dass das Buch auf Messen überwiegend von Frauen und kaum von Männern gekauft wurde.

Was dieses Thema so schwierig macht, ist ja auch, dass es sehr oft um subjektives Empfinden geht — und da ist jeder Mensch anders. Objektiv messbar sind Diskriminierungen dagegen ohne Mühe an Gesetzen. Die Facetten im Buch reichen ja von „Männer stehen von der Göttin gewollt unter uns Frauen“ bis hin zu jenen Frauen, die Männer als gleichgestellt ansehen. Dazwischen gibt es aber eben auch diesen riesigen Bereich des ungewollt Sexistischen. Dieses leicht spöttisch-herablassende, aber im Grunde ja gar nicht wirklich böse gemeinte. Darüber kann man dann stundenlang diskutieren. Aber Gesetze sprechen eine eindeutige Sprache. Ich habe mich immer mal wieder damit beschäftigt, aber erst nach Fertigstellung des Haupttextes begonnen, intensiv dafür zu recherchieren, vorher hatte ich den Kopf dafür nicht frei. Vieles wusste ich noch aus Schulunterricht und Studium, dennoch war es sehr unschön noch einmal genau vor Augen zu haben, mit welchen Mitteln Menschen andere Menschen unterdrücken. Es sind im Grunde immer dieselben Mechanismen, ob es nun um Frauen, eine bestimmte Volksgruppe oder anderes geht: Der Mensch wird in seiner Selbstbestimmung beschränkt und hat nicht dieselben Rechte wie andere: Berufswahl, Zugang zu Bildung und Kultur, Besitz und Erbe, freie Ausübung seines Glaubens und/oder seiner sexuellen Orientierung (Heirat), Kleidungsvorschriften — diese Punkte finden sich fast überall. Am erschreckendsten aber fand ich, dass ein paar Leser mich auf diese Gesetze ansprachen und meinten, sie seien überzogen und unrealistisch. Von daher bin ich sehr froh, dass ich die Gesetze noch mit hinein genommen habe, da scheint ja, was die Geschichte der Welt angeht, leider noch hier und da eine große Naivität vorzuherrschen.

Bild vom »Männerturm« aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner
Bild vom »Männerturm« aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner

Für die fiktive Welt hast du den geschichtlichen und den rechtlichen Hintergrund dahingehend verändert, damit deine Welt gut begründet ist. Wie war dieser Prozess für dich und in welcher Phase deiner Geschichte hat er stattgefunden?

Der geschichtliche Hintergrund hat mir sehr viel Spaß bereitet. Vor allem, dass ich manchen historischen Persönlichkeiten eine andere Lebens- oder Sterbensgeschichte schreiben konnte. Das war eine Menge Arbeit, aber es hat sich gelohnt!
Wie auch bei den Gesetzen habe ich das zuletzt gemacht, allerdings hatte ich zwischendurch immer wieder Ideen dazu notiert.


 Selbst großer Fantasy-Fan wollte ich mit „Hexenherz – Eisiger Zorn“ eine ganz neue, magische Welt erschaffen. Und zwar nicht irgendwo, sondern hier, mitten in Deutschland. Besonders wichtig ist mir, dabei auch Werte zu vermitteln: Grausamkeit, Machtgier und Gewalt haben viele Gesichter, aber kein Geschlecht. Freundlichkeit, Güte und Anstand zum Glück aber auch nicht.

Monika Loerchner zu »Hexenherz. Eisiger Zorn«


Das ›Goldene Reich‹ erstreckt sich in deinem Buch über gesamt Europa und spielt in unserer Zeit. Beim Lesen war das Ganze ziemlich greifbar für den Leser. War es dir wichtig, dass du ein fiktives Europa aufbaust und in den Fokus stellst?

Ja, das war mir wichtig. Ich habe nichts dagegen, Bücher zu „importieren“, aber warum muss immer so viel in den USA spielen? Und warum müssen Helden und ganz allgemein Protagonisten immer so tolle, auffällige Namen haben? Jetzt hatte ich die Gelegenheit, all das so umzusetzen, wie ich es gerne hätte: Einfach mal hier, wo ich lebe und mit Namen, die alltäglich sind.

Bild von der Heiligen Hedwig (links) der Heiligen Elisabeth von Thüringen (rechts). Auf Seiten 230-232. Aus« aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner
Bild von der Heiligen Hedwig (links) der Heiligen Elisabeth von Thüringen (rechts). Auf Seite 230-232. Aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner

Bei deiner Recherchereise hast du den realen Schauplatz von „Annaburg“ aus deinem Roman besucht. Wie war das für dich? Was hat dich inspiriert und wo bist du ins Grübeln gekommen?

Ich habe ja aufgrund meines Studiums ein paar Jahre in Marburg gelebt, kenne mich dort also gut aus. Es hat sich auch von seiner Lage in Europa her angeboten, es als Hauptstadt auszuwählen.
Ich fahre immer mal wieder nach Marburg, ich finde es einfach wunderschön. Die Recherchefahrt war noch mal toll, um ein Gefühl für die Schauplätze zu bekommen.
Witzig finde ich ja, dass ich erst, NACHDEM ich Marburg zur Hauptstadt erkoren habe, im Zuge meiner Recherchen erfahren habe, dass es dort den Weißen Turm, den sogenannten Hexenturm gibt. Viele (zugezogene) Marburger, die ich gefragt habe, kannten den Turm auch nicht. Das liegt daran, dass er ein bisschen versteckt hinter dem Schloss liegt. Die Existenz dieses Turmes fügte sich so wunderbar in die Geschichte ein, dass es fast schon wie Schicksal erscheint.

Welcher Moment ist für dich beim Schreiben deiner Geschichte besonders in Erinnerung geblieben und warum?

Da gibt es nicht eine besondere Erinnerung, eher viele kleine. Es gibt oft diesen einen Moment, wenn man etwas geplottet oder geschrieben hat, und sich die Dinge wie von selbst ineinander zu fügen scheinen — das liebe ich! Dieses Gefühl, wenn die Geschichte rund ist, die Protagonisten beginnen, ein Eigenleben zu führen und man selbst einfach WEISS, dass es genau so und nicht anders sein soll.
An dieses Gefühl erinnere ich mich immer wieder gerne und es macht all die Arbeit, all den Schlafmangel und die Anstrengungen wett.

Bild von der Ruine des einstigen Krankenhauses (Seite 254) aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner
Bild von der Ruine des einstigen Krankenhauses (Seite 254) aus »Hexenherz. Eisiger Zorn« von © Monika Loerchner

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Foto auf Startseite © Uwe Nutsch

Alle Fotos sind mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Verfügung gestellt worden.

Rezension zu Hexenherz. Eisiger Zorn

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Im Gegeninterview von der Autorin kannst du auch etwas über Mich erfahren!

4 Kommentare

  • Marysol sagt:

    Wow,

    super tolles Interview! Das Buch hatte mich ja bereits geflashed, umso begeisterter bin ich nun, dass sich die Autorin tatsächlich so viele Gedanken zum Thema Ungelichbehandlung gemacht hat!!

    Liebe Grüße,
    Mary

    • Henrik sagt:

      Hallo Mary!

      Ich finde es auch sehr schön zu erfahren, was hinter der Geschichte steckt. Freut mich sehr, dass ich das durch das Interview vermitteln konnte.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Hallo,

    Interessantes Interview! Ich kannte vorher weder Buch noch Autorin und werde mir ihr Buch gleich mal näher anschauen. Ob es auf die Wuli kommt entscheidet die Leseprobe, inhaltlich finde ich es jetzt nicht so spannend, aber mal schaun.

    LG Sonja Béland

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