Rezension Belgravia

18.01.2017
15

»Belgravia« ist ein Roman von Julian Fellowes und ist 2016 erstmals auf Deutsch im C. Bertelsmann Verlag erschienen.

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Inhalt

Belgravia beginnt am Vorabend der Schlacht von Waterloo, dem 15. Juni 1815, als in Brüssel die Herzogin von Richmond einen prächtigen Ball für den Herzog von Wellington gibt. Kurz nach Mitternacht kommt die Nachricht, dass Napoleon unerwartet die Grenze überschritten hat. Wellington und seine Truppen müssen umgehend in die Schlacht ziehen. Eingeladen zum Ball sind auch die Trenchards, die durch Geschäfte mit der Armee reich geworden sind. Auf ihre schöne Tochter Sophia hat Edmund Bellasis, der Sohn und Erbe einer der prominentesten Familien des Landes, ein Auge geworfen. Nach diesem Abend wird nichts mehr so sein wie zuvor. Fünfundzwanzig Jahre später werden die beiden Familien noch immer von dem dunklen Geheimnis verfolgt, das am Vorabend der Schlacht von Waterloo seinen Anfang nahm.

Quelle: C. Bertelsmann Verlag

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-641-20517-1 (eBook)
  • Preis: 14,99 € [D] 18,00 CHF
  • Seiten: 449
  • Sprache: Deutsch
  • Auflage: 1. Auflage
  • Ausgabe: Deutschsprachige Ausgabe 2016
  • Erscheinungstermin: 14. November 2016
  • Genre: Historischer Roman
  • Original: Belgravia | Weidenfeld & Nicolson (Orion Publishing, London) | 2016
  • Übersetzer: Maria Andreas

Meinung

Was sich hinter dem Kapitel „Tanz in die Schlacht“ verbergen sollte, konnte ich nur erahnen. Als Einstieg in die Geschichte war es ziemlich pompös und turbulent zugleich. Der Duke und die Duchess of Richmond haben für den Herzog von Wellington zum Ball geladen. Auch Wellingtons Proviantmeister James Trenchard stand mit seiner Frau Anne Trenchard und Tochter Sophie auf der Gästeliste. Lord Viscont ist Sophies Verehrer. Auf dem Ball begegnen sie sich und die beiden waren sich sehr zugetan. Doch an diesem Abend sind Dinge geschehen, die Sophia ihm nicht verzeihen konnte. Sie fühlte sich von ihm hintergangen.

Noch während des Balls näherten sich die Truppen von Napoleon Bonaparte und traten überraschend über die Grenze Brüssels. Der Ball kam zum Erliegen, dann brach das blanke Chaos los. Viele der anwesenden Männer mussten zu ihren Einheiten kehren, um sich der Schlacht zu stellen. Auch der Sohn der Schwester der Duchess, Lady Brockenhurst: Lord Viscont Bellasis. Es gab viele Tränen und ein großes Durcheinander. An dieser Stelle wurden schon Fragen aufgeworfen, die die Geschichte grundlegend im Verlauf beeinflussen. Viscont Bellasis und viele andere Männer mussten in der Schlacht von Waterloo im Juni 1815 auf dem Feld ihr Leben lassen.

Zwischen dem Tod von Bellasis und dem Beginn der Handlung sind 25 Jahre vergangen. In dieser Zeit sind viele Dinge geschehen, die viele Fragen aufwarfen und die bis zum Schluss dafür gesorgt haben, dass sich sämtliche Familiendramen abspielen mussten. Zum Beispiel ist da das uneheliche Kind, dass Sophia von Bellasis empfangen und geboren hat. Der Junge wurde bei Pflegeeltern großgezogen. Die Trenchards erhielten regelmäßige Berichte vom Adoptivvater des Kindes. In diesem Vierteljahrhundert blieb es nicht aus, dass sich mehr Dinge zugetragen haben, die die Vergangenheit ans Tageslicht geführt haben und dunkle Geheimnisse gelüftet und böse Gerüchte gesät haben.

Der Konflikt, der dadurch innerhalb der Familie Trenchard erstanden ist, hatte umfassende Auswirkungen. James hat seiner Frau vorenthalten, mehr Kontakt zu dem Enkel gehabt zu haben. Anne konnte das Geheimnis nicht länger für sich bewahren und hat in einem schwachen Moment mit Lady Brockenhurst über den Ball von Brüssel vor der Schlacht von Waterloo gesprochen und dabei kamen sie auf den Jungen zu sprechen. Dadurch ist ein gefährliches Spiel um den Jungen — Charles Pope — entstanden. Er erhielt urplötzlich „zu viel“ Aufmerksamkeit aus den guten Kreisen der Gesellschaft. Neben finanzieller Unterstützung für seine Baumwollfabrik bekam Charles einmalige Einladungen, die in seiner Stellung als Baumwollfabrikant oder Unternehmer nicht üblich waren. Böse Zungen versuchten mit allen Mitteln an Informationen zu kommen, weshalb Mr. Pope so interessant ist.

Der Aufbau der Gesamtgeschichte ist sinnvoll gegliedert. Da das Buch recht dick ist, fallen die Kapitel auch entsprechend groß aus. Es gibt gerade mal 11 Kapitel darin. Deswegen benötigte ich beim Lesen manchmal eine Pause zwischendurch. Für Leser, die nicht gerne aufhören mitten im Kapitel ist das schon eine Herausforderung. Dennoch hat das Buch eine angenehme, aufbauende Spannungskurve, die nie wirklich abbricht. Die Informationen und die Geschichte sind so interessant aufgebaut, dass vieles nur erahnt werden kann. Die Lösungen finden sich zudem nicht immer direkt, manchmal dauert es auch eine Weile, bis es wieder Erwähnung findet — in der Zwischenzeit grübelte ich fleißig mit und versuchte selbst auf die Lösung zu kommen. Das Netz aus Lügen und Intrigen, das sich immer zu vergrößern scheint, sorgt für Abwechslung. An manchen Stellen war es fast unerträglich mit zu verfolgen, wie verquer die Situation doch ist. Meine Emotionen wurden voll und ganz mitgerissen und ich folgte der Handlung so aufmerksam wie möglich, um ja kein Detail zu verpassen und zwischen all den Halbwahrheiten die Wahrheit zu finden.

Die Sprache des Buches ist sehr zeitgemäß und authentisch verfasst. Beim Lesen entführt Julian Fellowes den Leser förmlich in das 19. Jahrhundert. Beschreibt sehr detailreich und szenisch, dass sich alle Bilder wie ein Film vor Augen abspielen. Die historischen Hintergründe sind sehr gut recherchiert und regen sogar zur weiteren Selbstrecherche an. Obendrein sind viele Begriffe aus dem Lateinischen und Französischen in den Sprachgebrauch — wie zu der Zeit üblich — übernommen worden. Das verfeinert das Gesamtbild. Ich liebe es sehr, wenn Worte und Sätze zu ganzen traumhaft schön formulierten Absätzen verschmelzen und sich so Seite um Seite ohne Aussetzer lesen lassen.

Alleine der Erzähler macht schon einiges her. Er ist geschickt eingesetzt, lenkt und führt die Geschichte, wie es sich gerade angeboten hat. Kommentiert an manchen Stellen und erstellt somit vorausblicke und macht Verknüpfungen. Es war gerade zu perfekt für diese Geschichte. Die richtige Sprache hat den richtigen Ton bekommen und dann war es schon um mich geschehen.

Was für viele Leser sicher ein großes Manko ist, ist der große Stempel „Donwton Abbey“, der schon auf dem Cover damit wirbt. Das weckt natürlich große Erwartungen und man versucht Parallelen zu ziehen. Für meinen Teil muss ich sagen, dass ich mich davon bewusst habe nicht leiten lassen, da ich nicht enttäuscht werden wollte. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht und es gibt durchaus wiederkehrende Elemente, zum Beispiel, dass die Dienstboten eine zentrale Rolle in der Geschichte spielen. Aber weites gehend bin ich davon überzeugt, dass die Geschichte etwas ganz eigenes ist.

Julian Fellowes hat ein großes Talent für Familiendramen in der englischen Gesellschaft, das was er schreibt, liebt er. Damit kennt er sich aus. In der Serie hat er es gut beweisen können und mit diesem Buch ebenfalls. Ich kann nur jedem raten, nicht danach zu suchen, wo die Parallelen sind und stattdessen die eigentliche Geschichte zu verfolgen.

Cover

4

Gestaltung / Aufmachung

2

Kulisse

4

Charaktere

5

Idee / Aufbau

4

Spannung

5

Komplexität

5

Emotionen

5

Schreibstil / Lesbarkeit

5

Eigene Meinung / Empfindung

5

Durchschnittliche Bewertung

4,4

Fazit

Mit diesem Roman hat Fellowes nicht nur eine Unterhaltungslektüre geschaffen, sondern eine kurze Reise in eine glanzvolle und längst vergangene Zeit verbunden mit historischen Elementen. Diese Kombination gestaltet das Ganze ansprechend. Das Buch liegt auf einem sprachlich hohen Niveau und wirkt dabei sehr authentisch, wie es sich für das Genre gehört. Dieses Buch ist für alle Leser, die es lieben, sich den englischen Gesellschaftsdramen des 19. Jahrhunderts hinzugeben. Die es lieben, sich sprachlich verzaubern zu lassen. Belgravia bietet all das, was in den kalten Jahreszeiten auf den Lesestapel gehört und unbedingt gelesen werden sollte.

Ich danke dem C. Bertelsmann Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Gehört in den kalten Jahreszeiten auf den Lesestapel

15 Kommentare

  • Martin sagt:

    Lieber Henrik,

    eine treffliche und hilfreiche Besprechung.

    Ich empfinde den Stil von Julian Fellows als Ideal für dieses Genre, da man ihm durchaus anmerkt, dass er die Klassiker von Austen, Byron über Scott bis zu Hardy sehr gut kennt und deswegen sehr gut in die upper class des 19. Jahrhunderts einzuführen vermag.

    Beste Grüße

    Martin

    • Henrik sagt:

      Lieber Martin,

      ich danke dir für das Kompliment!

      Hast du schon anderes von Fellowes gelesen? Ich hoffe ja, dass mal wieder so ein Buch von ihm kommt.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Bettys Welt sagt:

    Toll! Habe ich auch gerade beendet: [in Rezension verlink]

  • Hallo,
    Danke für die ausführliche Rezension! Das hört sich sehr interessant an und wandert auf meine will. Von dem Autor habe ich noch nichts gelesen, werde es aber bald nachholen.
    LG Sonja

    • Henrik sagt:

      Hallo Sonja!

      Es freut mich, dass dir die Rezension gefällt und du das Buch in Betracht ziehst. Bisher habe ich nur das von ihm gelesen, aber das ändert sich mit der Zeit dann hoffentlich auch. 🙂

      Lass mich ruhig wissen, wie dir das Buch gefallen hat!

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Huhu!

    Ich muss zugeben, bei historischen Romanen habe ich immer ein bisschen „Schwellenangst“ und muss mich überwinden, nach einem zu greifen – und das, obwohl ich durchaus schon einige historische Romane gelesen habe, die mich begeistern konnten!

    Dieser hier klingt sehr gut, nur an den langen Kapiteln hätte ich vielleicht ein wenig zu knabbern, da ich auch ungerne mitten im Kapitel abbreche.

    LG,
    Mikka

    • Henrik sagt:

      Hallo Mikka!

      Irgendwie haben wir da die gleiche Angst. 🙂

      Aber manchmal lohnt es sich doch sehr, diese zu überwinden. Ich sage mir immer, dass ich bei Fantasy auch nicht weiß, was mich erwartet und dass es selten minder Komplex vom Aufbau ist. Das verleitet mich dann doch mal dazu, zu einem historischen Roman zu greifen.

      Ich habe es explizit erwähnt, weil ich weiß, dass viele damit ein Problem haben. Das war bei mir damals auch so. Mittlerweile habe ich das nicht mehr. Weil wie gesagt, das Buch ist auch spannend und bei dir ist das dann doch sicher schnell gelesen, so ein Kapitel.

      Würde mich freuen, wenn du es irgendwann liest und freude daran findest.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Jacky sagt:

    Hallo Henrik.
    Ich bin gerade ganz sprachlos… was für eine großartige Besprechung und ein interessanter Blog.
    Deine Rezension habe ich wirklich gern gelesen und das Buch werde ich mir auf jeden Fall merken. „Downton Abbey“ habe ich geliebt und obwohl mir das Buch nun schon einige Male über den Weg gelaufen war, habe ich es gar nicht mit DEM Julian Fellowes in Verbindung gebracht. [Auch wenn es auf dem Buch drauf steht, mein Kopf hat das irgendwie ausgeblendet] Umso interessanter wird das Buch nun für mich. 🙂
    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Ich bin über das #litnetzwerk auf deinen Blog gestoßen und bin nun sicher nicht zum letzten Mal hier gewesen 🙂
    Danke für die ansprechende Rezension.
    LG Jacky 🙂

    • Henrik sagt:

      Hallo Jacy!

      Wow, was für Komplimente! Das macht mich sehr glücklich! ☺️

      Dann verbinde es bitte schnellstmöglich mit DIESEM Julian Fellowes und hab Freude daran! Donwnton Abbey war voll mein Ding! Hab gesehen, dass das bei dir auch so ist. ? Ir können uns gern ja mal darüber austauschen.

      Über Besuch freu ich mich immer, bei dir war ich eben.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • monerl sagt:

    Hallo Henrik,

    das ist eine wirklich tolle Rezension! Ich habe sie sehr gern gelesen! Ich liebe historische Familiendramen und habe mir das Buch vorgemerkt. Zuzeit lese ich viele Bücher aus diesem Genre. Danke für deine Besprechung.
    „Downtown Abbey“ habe ich nicht geschaut. Doch die Serie ist in aller Munde, dass sie mich reizt und ich sie mir auch bald anschauen will. Dann mal sehen, ob die Werbung für das Buch damit gerechtfertigt ist.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
    glg monerl

  • Verena sagt:

    Hallo,
    ich freue mich, das ich über deine Rezension gestolpert bin. Eigentlich hatte ich dieses Buch auf meiner Leseliste, aber da ich ein Kapitel-zu-Kapitel Leser bin, werde ich wohl eher auf das Hörbuch umschwenken.
    Die Handlung reizt mich nämlich nach wie vor.

    Viele liebe Grüße,
    Rena

    • Henrik sagt:

      Hallo Rena,

      es freut mich, dass du durch meine Rezension den Anstoß erhalten hast, es anders zu machen. Ich danke dir für den Anstoß und hoffe, dass ich diesen Lösungsvorschlag des Hörbuches in Zukunft direkt erwähne.

      Ich wünsche dir viel Spaß beim Hören! Lass mich wissen, wie es war!

      Liebe Grüße
      Henrik

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