Rezension Das Bildnis des Dorian Gray

23.05.2016
11

»Das Bildnis des Dorian Gray« ist ein Klassiker von Oscar Wilde und ist 2013 in Neuübersetzung im dtv Verlag erschienen.

Infos zum Buch anzeigen

Inhalt

Dorian Gray ist jung, schön und unverdorben. Beim Anblick seines Porträts äußert er den »wahnsinnigen Wunsch«, das Bildnis möge an seiner Stelle altern, er selbst ewig makellos jung bleiben. Er ahnt nicht, was für Folgen das hat. In seinem einzigenn Roman, der bei Erscheinen einen Skandal auslöste, gestaltete Oscar Wilde das Scheitern eines Lebens zwischen Kunst und Wirklichkeit und die dramatische Wechselwirkung zwischen Verbrechen und Schönheit. In der Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff entfaltet dieses Meisterwerk seine ganze poetische Kraft.

Quelle: Buchrücken

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-423-14207-6 (Taschenbuch)
  • Preis: 8,90 € [D] | 9,20 € [A]
  • Seiten: 352
  • Sprache: Deutsch
  • Auflage: 3. Auflage 2015
  • Ausgabe: Neuübersetzung 2013
  • Erscheinungstermin: 07. Juni 2015
  • Genre: Klassiker
  • Original: The Picture of the Dorian Gray | Lippincott's Monthly Magazine | 1891
  • Übersetzer: Lutz-W. Wolff

Meinung

Worte! Alles nur Worte! Aber wie schrecklich sie waren! Wie klar, wie lebendig und grausam! Man konnte ihnen nicht entkommen! […] Gab es etwas, das genauso wirklich wie Worte war?

Seite 33

Hinter dem unscheinbaren Cover verbirgt sich ein Gesicht, das in die Ferne schaut. Ob das etwa Dorian Gray ist? Bereits nach wenigen Seiten wusste ich: Dieses Buch und ich werden viele gemeinsame Stunden verbringen, die mich fesseln werden. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, was mich wirklich erwarten würde.

Mit jeder gelesenen Seite taucht man weiter in das Geschehen ein und findet sich im London des 19. Jahrhunderts wieder. Die Gesellschaft, die Kunst und der Adel hatten einen hohen Stellenwert und boten eine perfekte Grundlage für ein dramatisches Buch mit vielen Charakteren.

Es löst bei mir immer wieder Begeisterung aus, wenn ich ein Buch lese, in dem die Protagonisten stets ihrer Linie treu bleiben und man schon alleine am geschriebenen Wort erkennen kann, wer gerade „spricht“. Bei diesem besonderen Werk ist es so, dass Unterhaltungen oft wild durcheinandergeraten und es zu lebhaften Diskussionen kommt. Das Auseinanderhalten der Charaktere hätte eigentlich eine Herausforderung sein müssen. Aber der Autor hatte seine Figuren hervorragend im Griff.

Dorian ist ein sprunghafter Jüngling, der stets auf Schönheit und Jugendlichkeit aus ist und die Gesellschaft sucht, hitzige Diskussionen führt und den Worten von Lord Henry lauscht. Stellenweise ist seine Einstellung sehr naiv. Seine Leichtgläubigkeit hat mich beim Lesen manchmal in den Wahnsinn getrieben und mich meinen Kopf mehr wie einmal schütten lassen.
Der Einfluss von Lord Henry tut Dorian nicht immer gut. Henry sucht stets das Vergnügen und fühlt sich in einer großen Gesellschaft wohl, hat stets eine eigene Meinung und gibt vor ein Mann von Welt zu sein. Aber genau das ist es, was diesen Charakter zeichnet: Man lauscht gebannt seinen Worten und seinen großen Reden, die er einfach aus seinem Ärmel zu schütteln scheint. Seine wilden Theorien über die Welt und seine Meinung über die Kunst, die Gesellschaft, Politik und über Frauen. Er ist ein „gerechter Vertreter“ seiner Zeit, die vieles offenbart, was man auch heute noch auf das 21. Jahrhundert beziehen kann. Was nicht zwingend heißt, das es gut ist, was dieser Lord von sich gibt. Sein Frauenbild ist meiner Meinung nach aus heutiger Sicht sehr veraltet und nicht mehr gesellschaftskonform. Ein Beispiel hierfür:

»Mein lieber Junge, keine Frau ist ein Genie. Frauen sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben nie etwas zu sagen, aber das tun sie ganz reizend. Frauen sind der Triumph der Materie über den Geist, so wie Männer der Triumph des Geistes über die Moral sind.«

Seite 70

Neben den beiden Protagonisten bietet der Dritte im Gespann eine reife Abwechslung, die zwischen Dorian und Henry für Vernunft sorgte. Basil ist der Künstler, der Dorian Gray gemalt hat und permanent in sich gekehrt wirkt. Für einen Künstler typisch, zeigt er eine ganz eigene Haltung, verweilt eher im Stillen, appelliert an die Vernunft und nimmt eine Weise Rolle ein, die seine Freunde vor dem Verderben retten soll. Beim Lesen hatte ich mit ihm immer etwas Mitleid, da er mir so vorkam, als sei er in seiner eigenen Welt gefangen und isoliert.

Unterstrichen wird dieses ganze Buch durch eine zauberhafte Sprache, die sehr gewählt und gekonnt eingesetzt ist. Ich kam mit dem Markieren gar nicht mehr hinterher. Es steckte in jedem Satz so viel drin, dass man am liebsten einfach mehr davon lesen würde. Man spürt wie sich die Energie, die durch die Worte versprüht, und durch die Gefühle, transportiert wird, sich auf den Leser überträgt. Im Text gibt es offensive Passagen, bei denen ich kleine Verschnaufpausen brauchte, bevor ich weiterlesen konnte. Es fiel mir an manchen Stellen recht schwer zu entscheiden, welchen Worten ich wirklich Glauben schenken sollte oder wo ich am besten nur zwischen den Zeilen lese. Es gab also mehrere Möglichkeiten, den Text zu werten und ihm Bedeutung zuzuschreiben. Die Interpretationsfläche ist riesig, da es genügend Anspielungen gibt, die im Raum vor sich her dümpeln und darauf warten, beachtet zu werden.

»Die Kleidung des neunzehnten Jahrhunderts ist verabscheuungswürdig, so düster und deprimierend. Die Sünde ist das einzig farbige Element im modernen Leben.«

Seite 45

Die Handlung der Geschichte ist sehr abwechslungsreich, auch wenn man durch die Charaktere manchmal schon erahnen kann, was als Nächstes passieren wird. Was nicht zwingend zum Nachteil der Geschichte steht, im Gegenteil, es zeigt nur, wie gut die Figuren ausgearbeitet sind und das man versteht, wofür sie stehen.
Was mir dann ab und an ein wenig zu viel des Guten war, sind diese Andeutungen über Skandale und irgendwelche Tugenden, von denen aber nur selten welche wirklich erwähnt sind. Also muss man zwischen den Zeilen lesen, worum es gehen könnte und selbst interpretieren. Diese angedeutete Sprache ist sicher etwas, was mir in noch vielen anderen Klassikern begegnen wird und womit ich mich noch das eine oder andere Mal auseinandersetzen werde, um auch daran meine Freude zu finden.

» […] Jeder Gentleman ist doch an seinem guten Ruf interessiert. Du willst doch nicht, dass die Leute über dich reden, als wärst du etwas Böses und Degeneriertes. Natürlich hast du deine Stellung und deinen Reichtum und all diese Dinge. Aber Reichtum und Stellung ist nicht alles. Wohlgemerkt, ich glaube keins von diesen Gerüchten. Zumindest kann ich sie nicht glauben, wenn ich dich ansehe. […]«

Seite 207

In der Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff gibt es hinten im Buch einen ausführlichen Anhang, den ich während des Lesens nach jedem Kapitel zurate gezogen und mir die Anmerkungen durchgelesen habe. Es hat immer wieder neue Fragen in den Raum geworfen, die am Ende in richtigen Recherchen ausgeartet sind, da ich viel mehr über die Hintergründe erfahren wollte. Zusätzlich gibt es vom Übersetzer persönlich noch ein eingehendes Nachwort, dass seine Arbeit und den Hintergrund der Geschichte erläutert. Und ganz zum Schluss gibt es noch eine Zeittafel, die das Leben von Oscar Wilde chronologisch Sortiert, was mich ebenfalls sehr interessiert und eine perfekte Ergänzung des großen Ganzen ist.

Cover

3

Gestaltung / Aufmachung

3

Kulisse

4

Charaktere

5

Idee / Aufbau

4

Spannung

5

Komplexität

4

Emotionen

4

Schreibstil / Lesbarkeit

5

Eigene Meinung / Empfindung

5

Durchschnittliche Bewertung

4,2

Fazit

Dorian Gray eignet sich perfekt als Einstiegsklassiker. Neben der Vielschichten Handlung gibt es noch facettenreiche Protagonisten, die die Handlung zum Leben erwecken. Beim Lesen treffen zwei Welten aufeinander, die aus heutiger Sicht an manchen Stellen noch vereinbar sind.

Welches Buch war dein erster Klassiker?

​Dieses Drama ist zugleich unerträglich und unglaublich spannend.

11 Kommentare

  • Lauretta sagt:

    Lieber Henrik,

    ich habe die Zeit, in der wir diesen Roman gemeinsam gelesen haben, sehr genossen. Auch, wenn es stellenweise nicht immer ganz einfach war, weil wir uns so über Dorians Einstellung geärgert haben. Es freut mich sehr, dass dieser Klassiker einen so guten Eindruck bei dir hinterlassen hat.
    Hoffentlich spornt dich diese Erfahrung an, noch viele weitere Klassiker zu lesen. Außerdem bin ich gespannt, wie viel von dem Buch und seinen Charakteren in unseren zukünftigen Gesprächen noch auftauchen wird.

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    • Henrik sagt:

      Hallo Lauretta!

      Mir geht es da nicht viel anders! Ich mag es sehr, wenn wir gleichzeitig etwas lesen oder etwas besprechen, dass wir beide gelesen haben. Der Austausch mit dir ist immer wieder bereichernd.
      Der Klassiker hat auf jeden Fall einen sehr gutn Eindruck hinterlassen, das steht außer Frage. Und Dorian war zwar ein spezieller Charakter, über den wir uns den Mund fusselig geredet haben, aber eigentlich war es genau das, was ihn so perfekt gemacht hat, oder?
      Ich freue mich jetzt schon auf „Sturmhöhe“ mit dir!

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Hadassa sagt:

    Oh, das macht mir direkt Lust, den Dorian mal wieder zu lesen – schöne Rezension! Ich erinnere mich gar nicht, was mein allererster Klassiker war.. vermutlich eine Schullektüre, Goethe oder Schiller würde ich schätzen.

    Viele Grüße,
    Hadasss

    • Henrik sagt:

      Hallo Hadassa,

      freut mich, wenn bei dieser Rezension die Lust auf das Buch wieder aufflammt! Ich halte dich nicht zurück! 😉
      Ich habe weder Goethe, noch Schiller gelesen, aber dank der Bücherkultur Challenge wird das passieren!

      Danke für deine Gedanken und liebe Grüße an dich!
      Henrik

  • BuecherFaehe sagt:

    Sehr schöne Rezension!
    Bei mir liegt es schon ein bisschen zurück, seitdem ich „Dorian Gray“ gelesen habe, aber auch ich fand das Buch wirklich super – vor allem das Ende hat mich nachhaltig beeindruckt.
    Mein erster Klassiker war, wenn man das zählen will, wohl „Der Ruf der Wildnis“ von Jack London. Da muss ich im Teenageralter gewesen sein. Der erste „erwachsene“ Klassiker war dann wohl „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas.
    Nicht alle Klassiker sind stellenweise so „undurchsichtig“ zu lesen wie Oscar Wilde. Gerade die Abenteuerklassiker, namentlich die, die ich eben erwähnt habe, sind da deutlich unzweideutiger. 😉

    Goethe kann ich übrigens sehr empfehlen. Ich liebe seine Bücher!

    • Henrik sagt:

      Hallo Buecherfaehe,

      vielen lieben dank für deine Worte! Das Ende war auch ziemlich ausschlaggebend, für dieses Buch. Es war eigentlich vorhersehbar und irgendwie doch nicht. Aber es war passend und hat das Buch auch wirklich beendet. 🙂

      Ich werde mir mal beide Bücher ansehen – vielleicht ist ja eines von den beiden etwas für mich.

      Nimmst du schon an der Bücherkultur Challenge teil? Wir freuen uns immer über neue Teilnehmer. 🙂

      Liebe Grüße
      Henrik

      • BuecherFaehe sagt:

        Ich kann dir die Bücher jedenfalls wärmstens ans Herz legen!

        Nein, nehme ich nicht, bin aber schon einmal über die Challenge gestolpert, glaube ich. Muss sie mir noch einmal anschauen. (:
        Eigentlich wollte ich ja mehr oder weniger challengefrei bleiben, aber das hat sowieso schon nicht geklappt. ;D

      • BuecherFaehe sagt:

        So, jetzt war ich so neugierig, da habe ich mir die Challenge direkt einmal angeschaut.
        An sich eine super Idee, doch da man von der Klassiker-Liste maximal 10 zu Anfang streichen darf, wäre das nichts für mich. Ich könnte zum jetzigen Zeitpunkt 19 streichen. Da ich einige von diesen Büchern aber erst gelesen habe, steht mir nicht der Sinn danach, 9 Bücher direkt zu rereaden.
        Ich wünsche dir aber weiterhin viel Spaß beim Entdecken neuer Bücher! (:

      • Henrik sagt:

        Naja, du musst die Bücher nicht noch mal lesen, sondern darfst sie schön abhaken! Wie jedes weitere Buch von den Listen, die du gelesen hast! 🙂 Das ist doch Sinn und Zweck davon!

        Vielleicht überlegst du es dir noch einmal. Ansonsten danke ich dir und wünsche dir auch viel Freude beim Entdecken von tollen Büchern!

  • T. M. Müller sagt:

    Hallo Henrik,
    ganz schön ambitioniert, finde ich, sich einen Klassiker und dann noch einen von diesem Kaliber für eine Besprechung vorzunehmen! Die von Dir geschilderte Leseerfahrung mit Oscar Wilde’s »Dorian Gray« verrät Deinen Enthusiasmus, mit dem Du zu Werke gegangen bist. Hoffentlich lassen sich viele Deiner Follower anstecken und dazu ermutigen, selbst mal zu einem Klassiker zu greifen.
    Meine eigenen ersten Klassiker? Hm, das ist schon ziemlich lange her. Ich vermute stark, das es zwei sehr, sehr alte Geschichten waren, nämlich die Sagenerzählungen über Dietrich von Bern und über die Nibelungen. Allerdings nicht in der Originalversion – die hätte ich als Elf-, Zwölfjähriger kaum verstanden. Ich habe sie in einer, wie es damals hieß, Fassung verschlungen, die, wie es damals hieß, »für die Jugend aufbereitet« war. Noch heute beeindruckt mich die Wucht der darin geschilderten dramatischen Geschehnisse! Verglichen damit, ist Oscar Wilde Filigranliteratur.
    Weiterhion frohes Lesen und Schreiben!
    Tom

    • Henrik sagt:

      Hallo!

      Vielen lieben Dank für Deine lieben Worte! Es freut mich, dass dir meine Rezension zu diesem Klassiker gefällt! Ich finde, man kann jedes Buch mehr oder weniger gut besprechen, ob Klassiker, Roman oder Krimi – spielt keine Rolle. 😉

      Ah ja, um die Nibelungen kommt man schwer herum, allerdings habe ich noch nicht so viel darüber gelesen, wie ich gerne wollte!

      Liebe Grüße
      Henrik

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.