Rezension Der Schatten des Windes

09.09.2015
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»Der Schatten des Windes« ist ein Roman von Carlos Ruiz Zafón und ist 2003 erstmals auf Deutsch im Insel Verlag erschienen.

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Inhalt

An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt – den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt ›Der Schatten des Windes‹, und er wird sein Leben verändern …

Quelle: S. Fischer Verlage

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-596-19615-9 (Taschenbuch)
  • Preis: 9,99 [D] 10,30 [A]
  • Seiten: 576
  • Sprache: Deutsch
  • Auflage: 3. Auflage
  • Ausgabe: Fischer Taschenbuch
  • Erscheinungstermin: 01. März 2013
  • Genre: Roman
  • Reihe: Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 1
  • Original: La sombra del viento | Editorial Planeta S.A., Barcelona | 2001
  • Übersetzer: Peter Schwaar

Meinung

Die frühmorgendliche Idylle auf den Straßen von Barcelona schwebt durch das Cover. Ein Vater mit seinem Sohn, die auf dem Weg nach irgendwo sind. Die Atmosphäre versprüht eine angenehme, kühle und nassklare Luft, am frühen Morgen eines fast schon herbstlichen Tages. Mit einer nicht zu großen Schrift wird dem Bild viel Platz gelassen. Mir gefällt das Cover sehr gut und ich habe immer wieder meine Augen mit dem Blick darauf ruhen lassen.

Mindestens genauso atmosphärisch und einnehmend würde ich die Kulisse des Buches bezeichnen. Zafóns Feder beschreibt ziemlich schön die Umgebung von Barcelona. Er gibt den Häusern und Wohnungen ernste Farben, die sie benötigen. Er zeichnet klare Linien und manchmal lässt er etwas im unklaren Verschwimmen und verschleiert etwas die Wahrheit. Von Rauch und Nebel ist dieses Buch geprägt, raubt einem die Sicht und gibt kaum Luft zum Atmen. Aber, man liest immer weiter.

Sein wirres Konstrukt an Charakteren ist nicht gerade leicht zu entziffern. Einzeln werden sie eingeführt, es wird viel erzählt und auch immer wieder neu aufgegriffen. Trotzdem ist es mir nicht immer gelungen, bei so vielen Seiten einen genauen Überblick über die Personen zu behalten. Zum Glück hat Zafón die Angewohnheit, seinen Charakteren immer wieder Merkmale zu vergeben, an denen man sie schließlich doch recht schnell wieder erkennt. Es gibt leider – oder besser gesagt – zum Glück keine Übersicht, denn das würde dem Leser nur jegliche Illusion der einzigartigen Geschichte rauben.

Wenn man den Worten von Zafón nur halb so würdig wäre, wie man es wirklich ist, wären die eigenen Texte dazu deutlich schöner geschrieben. Ich liebe es, die Worte, die Zafón in seiner Geschichte verwendet zu lesen. Ich liebe viele Sätze, die er mit so viel Herzblut geschrieben hat, damit man beim Lesen daran hängen bleibt und sich einfach nur verlieben muss. Die Worte und Sätze sind einzigartig schön und machen dieses Buch so lesenswert.

Die Geschichte hat lange gebraucht, bis sie mich wirklich ganz packen konnte. Natürlich war da auch die kleine Lesepause mit schuld, sonst wäre ich viel schneller vorangekommen. Dennoch fand ich die Geschichte zwischendrin ziemlich vorhersehbar, da Zafón sich Andeutungen vornweg nicht hat nehmen lassen. Manchmal wechselt die Erzählperspektive, dann erfährt man viele Dinge aus anderen Blickwinkeln und schließt ziemlich schnell eigene Schlüsse. Manchmal liegt man damit richtig, manchmal täuscht man sich gewaltig. Bis zu den letzten 150 Seiten fand ich das Buch nur wegen dem Schreibstil und der unglaublichen Atmosphäre toll. Aber dann kam dieses sich langsam aber stetig aufbauende Finale, welches mir förmlich die Luft zum Atmen raubte. Das konnte mich dann doch noch mal komplett umstimmen und überzeugen.

Bewertung

Ich denke, wenn ich dieses Buch nicht zusammen mit Lauretta gelesen hätte, hätte ich entweder Ewigkeiten damit verbracht oder hätte es erst gar nicht fertiggebracht, mit dadurch zu kämpfen. Aber der Wille war ab der Hälfte ziemlich stark geworden, weil man ja dann doch mehr um dieses große Geheimnis wissen wollte. Bei einem fast 600 Seiten Buch muss ich sagen, kamen mir doch manche Stellen etwas zu kurz. Ich hoffe, dass in den Folgebänden, die wohl unabhängig zu sein scheinen, diese Dinge trotzdem noch irgendwie mit aufgegriffen werden.

Cover

4

Gestaltung / Aufmachung

3

Kulisse

5

Charaktere

4

Idee / Aufbau

4

Spannung

3

Komplexität

5

Emotionen

4

Schreibstil / Lesbarkeit

5

Eigene Meinung / Empfindung

4

Durchschnittliche Bewertung

4,1

Fazit

Ich denke bei dem Wort ‚Schmöker‘ immer an ein Buch, welches wirklich zum langen Verweilen einlädt. Ein Buch, für welches man sich einfach Zeit nehmen sollte und jede einzelne Zeile in sich aufsaugen sollte. Und genauso wurde das Buch angepriesen und das ist es auch. Für Leser, die keine langen und ausschweifenden Romane mögen, wird dieses Buch nichts sein. Aber für Leser, die gerne ein zweites Buch zur Hand haben oder eben gerne lange in einer schönen Geschichte verweilen, ist Der Schatten des Windes bestens geeignet.

Sagt dir dieses Buch zu oder möchtest du lieber die Finger davon lassen?

Eine zeitlose Geschichte zum versinken

6 Kommentare

  • Steffi sagt:

    Hallo Henrik,

    du hast eine wirklich einzigartige Art und Weise zu Schreiben und dir gelingt es damit vortrefflichst, mich noch einmal in die atmosphärischen Zeilen von „Die Schatten des Windes“ zu entführen.

    Ich hatte beim Lesen ähnliche Probleme wie du, manchmal war ich damit überfordert, wieviele Fäden Zafón auf einmal aufnimmt. Allerdings ist er ein großer Künstler der Atmosphäre. Ich liebe ihn für sein Talent. Weil es dir bei seinen Büchern so vorkommt, als würdest du selbst durch die Straßen von Barcelona laufen. Ich fand „Marina“ besonders gut, wenn auch sehr düster und brutal. Falls du es noch nicht gelesen hast, tu es – es ist unglaublich.

    Herzliche Stöbergrüße,

    Steffi

    • Henrik sagt:

      Hallo Steffi!

      Vielen Lieben dank für das Lob! 🙂 Freut mich, dass es rüber kommt!
      Ich freue mich auch, mit diesem „Problem“ nicht alleine zu sein – es wäre ja fast schade gewesen, wenn nur ich das so empfunden hätte.
      Seine Worte sind wie magische Sprüche. 🙂

      Marina schaue ich mir an, danke für für die Empfehlung und den Besuch.
      Henrik

  • Janice sagt:

    Hallo Henrik!

    Es freut mich sehr, dass dir dieses Buch so gut gefallen hat! Ich fand es einfach großartig und doch bin ich immer noch nicht dazu gekommen das nächste Buch von ihm zu besorgen! Muss ich demnächst wirklich machen 🙂

    Danke für’s verlinken!

    Liebe Grüße
    Janice

    • Henrik sagt:

      Hallo Janice!

      Mir gefiel es ja dann doch recht gut. Hatte aber mehr ‚Erwartungen‘, irgendwie. Ich konnte mich ja aber trotzdem so auf die Geschichte einlassen, dass sie mir dann auch gefällt.
      Ob ich die nächsten Bücher schon in der nächsten Zeit anschaffen werde, bezweifel ich noch etwas.

      Danke dir auch!
      Liebe Grüße
      Henrik

  • Lauretta sagt:

    Hallo Henrik,

    Es war wunderbar dieses Buch mit dir zu lesen. Vielleicht schaffe ich es ja, dich für ein weiteres von Zafón zu begeistern. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    • Henrik sagt:

      Hallo Lauretta,

      mir gefiel es auch sehr, dass wir dieses Buch so in dieser Form zusammen gelesen haben. Ich liebe es, mit dir zusammen über die Geschichten zu Reden und darüber, was es bedeutet.

      Mal sehen.

      Liebe Grüße,
      Henrik

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