Rezension Haus voller Wolken

18.06.2015
10

»Haus voller Wolken« ist ein Roman von Jan Stressenreuter und ist 2015 erstmals im Querverlag erschienen.

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Inhalt

Es beginnt mit Kleinigkeiten: Karsten verlegt seinen Schlüsselbund, er vergisst einen geschäftlichen Termin, manchmal fallen ihm Worte nicht mehr ein. Als sein Arzt Alzheimer diagnostiziert, bricht für ihn und seinen Freund Roman eine Welt zusammen. Gemeinsam versuchen sie, der Krankheit die Stirn zu bieten, schöpfen Hoffnung und stecken Niederlagen ein, weichen Stück für Stück zurück. Bis Roman erkennt, dass er eine Entscheidung treffen muss. Noch einmal trommelt er Freunde und Familie zusammen, noch einmal feiern Karsten und er ein rauschendes Fest, an einem Wochenende voller Lachen und Tränen.

Quelle: Querverlag

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-89656-231-9 (Paperback)
  • Preis: 16,90 € [D]
  • Seiten: 336
  • Sprache: Deutsch
  • Erscheinungstermin: 01.März 2015
  • Genre: Roman

Meinung

Optisch ist dieses Buch ein Hingucker. Man sieht einen recht attraktiven Mann, der verträumt aus einem Fenster schaut. Er erweckt den Eindruck, dass er erschöpft ist und eine Auszeit braucht. Sein Blick schweift nach draußen, ist leer. Der Regen strömt. Die Stimmung, die vom Cover ausgeht, ist schon bedrückend. Ein gelungenes Cover spiegelt nur das Äußere eines Buches wider und verrät nicht zu viel über den Inhalt, der in diesem Fall noch mehr zu bieten hat.

Die Reise geht an einen Stadtrand von Köln, eine große und bekannte Stadt in Deutschland. Zu sehr wird die Stadt allerdings nicht in den Vordergrund gestellt, da der Fokus viel eher auf der näheren Umgebung lag. Es diente rein zur Orientierung, in welchem Gebiet man sich befindet. Und da muss ich sagen, hat der Autor gute Arbeit geleistet. Nähere Beschreibungen des Hauses oder eben andere Umgebungen sind treffend. Und das reicht mir persönlich schon aus bei einem Roman.

Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet. Ich konnte diesen viel abgewinnen, da sie vielschichtig und durchdacht waren. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass Stressenreuter sich gut überlegt hat, welcher Charakter welche Funktion einnimmt. Man merkt es alleine schon daran, dass Roman in einem Pflegeberuf arbeitet. Das bietet im Zusammenspiel mit der Lage und Handlung einen beachtenswerten Spielraum, der genutzt wird. Aber auch Karsten, in diesem Fall der an Alzheimer erkrankte Part, ist dem Autor gelungen. Sicher hat er dafür viel Recherchen angestellt oder auch eigene Erfahrungen sammeln können. Dann gab es noch zwei junge Erwachsene, die ebenfalls gut eingebracht wurden, die aber meiner Meinung nach im Widerspruch mit sich selbst standen. Sprachlich gesehen. Darauf gehe ich gleich noch mal ein. Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass Jan Stressenreuter viele Möglichkeiten ausgenutzt hat und ihm die Charaktere allesamt gelungen sind.

Mit treffenden Worten konnte der Autor eigentlich genau meine Gedanken in den passenden Momenten niederschreiben. Es ist erstaunlich, wie viele Worte man für dieses Buch hatte, aber sie einem nicht über die Lippen kamen. Man denkt sich beim Lesen viel selbst, man fängt an, über die Erkrankung nachzudenken. Fassungslosigkeit ist ein solches Wort, was zwar existent war in meinem Kopf, aber nicht mal annähernd ausdrücken konnte, was ich empfand. Eine Aneinanderreihung solcher Worte hat diese Gefühle eher beschreiben können. Das unterstützt den Stil des Autors natürlich und bekräftigt sein Können. Ich empfand das Buch als ‘leicht zu lesen’, auch wenn der Inhalt alles andere als leichte Kost war. Und trotzdem ist es dem Autor gelungen, durch Situationskomik die Handlung aufzulockern. Die Ernsthaftigkeit ging dadurch keineswegs verloren. Man konnte nur mal etwas aufatmen und sich danach wieder auf die eigentliche Handlung konzentrieren.

Aber es gab auch Punkte bei diesem Buch, die ich anmerken muss, die mich gestört haben. Zum Beispiel wären da die Situation in der Marvin und sein Freund Tom (zu Besuch bei Roman und Karsten) mit einer Erektion ins Haus laufen. Das hatte einen Beigeschmack, den ich nicht nachvollziehen konnte. Diese Freizügigkeit kam so nicht rüber, auch wenn sie noch Badehosen anhatten. Das ist etwas, das mich gestört hat. Dann gab es da noch die Situation, wie Roman und Karsten sich kennenlernen. Das unterstreicht eigentlich die Klischees, die ich persönlich nicht gutheiße und die immer so ein Bild abgeben, was mich auch stört. Um noch mal auf die Sprache von Marvin und Tom, zurückzukommen: Meiner Meinung nach stand sie im Widerspruch mit sich selbst, da sie immer etwas jugendlich und flach war, in die Hopper Richtung. Aber dann kamen manchmal Wörter, die dem normalen Sprachgebrauch der beiden nicht entsprochen haben und etwas höher waren. Das wirkte irgendwie deplatziert und hat nicht zusammengepasst, deshalb war es für mich auffällig. Nicht störend, aber auffällig.

Der Aufbau der Handlung ist zudem etwas wirr, man braucht etwas, bis man durch den Aufbau des Buches durchgeblickt hat. Durch den sprunghaften Wechsel schien es zunächst keinen roten Faden zu haben. Ich musste aber bei knapp der Hälfte des Buches feststellen, dass der rote Faden natürlich gegeben war, es war nur ein recht eigener und stilistisch gesehen, fand ich ihn herausragend. Es waren nicht mal die Videosequenzen, die mich begeistert haben, eher der gesamte Aufbau, der Handlung. Man hat viele verschiedene Winkel und Blicke auf die Geschichte bekommen können, ohne das Wesentliche zu vergessen.

Bewertung

Dieses Buch bietet, was man erwartet. Die Stimmung drückt aufs Herz. Ich hab viele Tränen geweint, eigentlich wollte ich dieses Buch nur beenden, damit ich es nicht länger ertragen muss. Meine Empathie ging da voll mit mir durch. Die Aufteilung war großartig. Ich hab diesem Buch geglaubt und ich denke, dass es gerade bei dieser Thematik wichtig ist, den Ernst der Lage zu erfassen. Zum Glück bietet der Autor da schon vorab ein paar spannende Informationen zur Erkrankung. Mir hat dann leider nur noch etwas mehr gefehlt, wie so eine Krankheit entsteht. Da sind die Schicksale der Charaktere leicht in den Vordergrund gerückt und auch das Ende hat mehr Bedeutung gewonnen, als diese Tatsache, von der man hätte durchaus etwas mehr schreiben können.

Cover

5

Gestaltung / Aufmachung

3

Kulisse

4

Charaktere

4

Idee / Aufbau

5

Spannung

4

Komplexität

2

Emotionen

5

Schreibstil / Lesbarkeit

4

Eigene Meinung / Empfindung

5

Durchschnittliche Bewertung

4,1

Fazit

Es bleibt zu sagen, dass dieses Buch ein schweres, bedrückendes und frustrierendes Buch ist, welches einen nachdenklich zurücklässt. Die Geschichte hat mir die Angst vor dieser Erkrankung nicht genommen, sie hat keine falschen Hoffnungen geweckt, sie hat mir auch keinen wirklichen Mut gemacht. Aber sie hat mein Verständnis dafür deutlich erweitert. Auch wenn ich niemanden kenne, der erkrankt ist, finde ich, dass man sich mit diesem Thema befassen sollte. Deswegen spreche ich eine Leseempfehlung aus, egal für wen.

Ich danke dem Quer Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Es würde mich freuen, wenn du mir ein paar Gedanken zum Thema Alzheimer/Demenz dalassen würdest.

Selten hat mich ein Buch so hinterlassen wie dieses, in Tränen aufgelöst und sehr nachdenklich. Es reflektiert vielschichtig und liefert ebenso viele Anhaltspunkte.

10 Kommentare

  • Hey Henri!
    Ich hab erst letztens auf der Homepage des Querverlags geschmökert und allein dieses Buch fand ich am ansprechendsten. Mir war irgendwie schon klar, dass es genau so sein wird wie du es beschrieben hattest.
    Ich kenne zum Glück niemanden mit Demenz oder Alzheimer, da bin ich ganz glücklich drüber, dennoch hatte ich damit schon irgendwie Erfahrung gehabt, denn mein Onkel ist damals an Lungenkrebs erkrankt und konnte noch nicht einmal mehr meine Mutter, seine Kinder oder irgendwen erkennen, sodass es doch oftmals ziemlich schmerzhaft für alle war. Dieses Thema ist so unglaublich wichtig und ich denke, dass es jeden treffen kann. Der Film „Honig im Kopf“ ist definitiv ein Film, der da nochmal aufklären kann und mit einer tollen Situation um die Ecke kommt. Ich selbst hab da Massen an Tränen verloren, weil das Thema einfach so emotional ist.

    Danke für den tollen Einblick ins Buch!

    Liebe Grüße,
    Sarah ♥

    • Henrik sagt:

      Hallo Sarah <3

      Es freut mich, dass du auch schon beim Querverlag geschmökert hast. Die haben echt schöne Titel zur auswahl. 😀

      Ja, es ist schrecklich, damit umzugehen, das hat dieses Buch gezeigt, wie unmöglich das eigentlich ist. Frustration, Gewissensbisse, Verpflichtung, Verantwortung.. all diese Dinge machen es einem nicht leicht. Das mit dem Lungenkrebs ist aber auch keine schöne Sache. Da spreche ich mal allgemein für Krankheiten, dass alle doof sind.

      Ja, von dem Film habe ich schon gehört. Die Besetzung davon gefällt mir nur nicht. Ich werde wohl weiter anders über diese Krankheiten erfahren (Literatur!).

      Ich danke dir für deine lieben Worte.
      Henrik

  • Hi du,
    Von Bücher über Alzheimer habe ich bis jetzt wahrlich wenige entdecken können.
    Dieses hier erscheint mir, vor allem nach deiner beeindruckenden Vorstellung wirklich lesenswert.
    Alzheimer ist wirklich eine unglaublich unangenehme Krankheit für Familie und Freunde. Meine Oma hat das jetzt schon, fast seit ich denken kann. Sie ist dem Stadium der Krankheit, in der man gar nicht bis kaum noch spricht.
    In den früheren Stadien hat man eher gute und schlechte Tage. Zum Beispiel wenn sie alles nachsagt, was man zu ihr sagt. Oder einen mit Ausdrücken anspricht.
    Aber besonders schlimm ist das meiner Meinung nach, aus der Sicht meiner Mutter und ihren Geschwistern, weil wenn dich deine Mutter nicht mehr erkennt, erscheint mir das wirklich untröstlich grausam.
    Liebe Grüße
    Itchy

    • Henrik sagt:

      Hallo Itchy,

      so wie du es beschreibst, wird es auch im Buch widergegeben. Ich denke, dass deine Erfahrungen damit nicht schön sind und ich danke dir, dass du so offen sprichst. Ich glaube sogar, dass die Momente, in denen die Person „kurz Normal“ und wieder „bei Sich“ ist, am schlimmsten sind. Einfach, weil man weiß, es ist nur von kurzer dauer.

      Ich danke dir auch für dein Kompliment zu meiner Rezension.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • schlaueeule sagt:

    Hey

    ich finde den neues Bewertungssystem echt gut. Eine gute Lösung hast du da gefunden!

    Sophie♥

    • Henrik sagt:

      Hallo Sophie,

      ich danke dir! Ich bin mit dieser Lösung auch anz zufrieden. Ich denke, das ist Fair und ich kann dann gerechter werden.

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Hallöchen lieber Henni,
    ich habe mich zwei einhalb Jahren mit an Alzheimer erkrankten Menschen im Zuge meiner Arbeit beschäftigt und ich habe es wirklich gerne gemacht. Wenn man erstmal weiß wie man am besten mit ihnen umgehen kann und ihnen ein wenig von ihrem Leid zu nehmen. Es tut einfach gut zu sehen, dass man helfen kann.
    Ich habe schon einige tolle Bücher über dieses Thema gelesen.

    Liebst, Lotta

    • Henrik sagt:

      Hallo liebe Lotta,

      ich danke dir herzlichst für deinen persönlichen Kommentar dazu. Ich freue mich, dass die die Arbeit Spaß gemacht hat, das kann nicht jeder. Ich z.B könnte das eventuell nicht. Ich denke, ich würde es zu nah an mich heranlassen.

      Liebe Grüße und vielen Dank für deine Worte.

      Henrik

  • Melissa sagt:

    Ich hab noch keine Erfahrungen mit ALzheimer oder Demenz gemacht. Und so, wie du von dem Buch erzählst, habe ich auch etwas Angst davor, darüber zu lesen. Btw finde ich die Grafik bei der Bewertung aber klasse!!

    Grundsätzlich finde ich es aber gut, wenn solch schwierige Themen in Büchern thematisiert werden. Der Film Still Alice mit Julianne Moore hat das Thema Alzheimer gehabt. Sie hat, glaub ich einen Oscar dafür bekommen und es basierte auf einem Roman. Der Film hatte für mich Schwächen.
    Liebe Grüße
    Melissa

    • Henrik sagt:

      Hallo Melissa,

      es ist ein sehr sensibles Thema, aber man sollte und darf sich davor nicht verschließen. Man sollte es eventuell etwas realisitischer betrachten und wenn man dafür zu sensibel ist, sollte man sich keine Literatur suchen, die Emotional Mitreist sondern Fachliteratur, die sachlich bleibt.

      Danke für dein Kompliment, ich werde sie so beibehalten. 🙂

      Ja, es gibt immer Themen, die man in Bücher besser mal ansprechen sollte, das kommt auch beim Leser gut an! Den Film kenne ich noch nicht, den werde ich mir bei gelegenheit anschauen, danke für den Tipp.

      Liebe Grüße
      Henrik

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