Rezension Ich, Adrian Mayfield

27.07.2015
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»Ich, Adrian Mayfield« ist Teil eins der Mayfield-Trilogie von Floortje Zwigtman und ist 2008 erstmals auf Deutsch im Gerstenberg Verlag erschienen.

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Inhalt

London 1884. Adrian Mayfield ist keine 17 und Lehrjunge bei einem Maßschneider in Soho. Als er eines Tages seine Anstellung verliert, sitzt er völlig mittellos auf der Straße. Bei einem ehemaligen Kunden, einem Kunstmaler namens Augustus Trops, findet er zunächst Unterschlupf und beginnt, Modell zu sitzen. Beim Modellsitzen bleibt es nicht, zu Adrians allergrößtem Erstaunen: Ja, er liebt Männer! Im London dieser Zeit ein Verbrechen. Durch Trops erhält Adrian Zugang zu den erlesensten Künstlerkreisen Londons, an deren Spitze Oscar Wilde im Café Royal thront. Adrian beginnt Gefallen zu finden an dieser dekadenten Gesellschaft, an ihren Eskapaden, ihrem Witz, ihrer Freizügigkeit und Intelligenz. Doch weder ein Zuhause noch wahre Freunde findet er hier, auch wenn er das feine Spiel der Verkleidungen und Scheinmanöver bald perfekt beherrscht. Zu viel trennt ihn von dieser illustren Gesellschaft. Am wohlsten fühlt er sich noch bei Vincent Farley, einem reichen jungen Maler, für den er als Modell arbeitet. Doch auch der verlässt im August London, und so bleibt Adrian nur der Weg in das Etablissement in der Little College Street, um nicht zu verhungern. Sind Adrians Träume von der großen Liebe und einem Zuhause nur Luftblasen? Wunschträume, auf deren Erfüllung einer wie er sowieso nicht hoffen darf?

Quelle: Gerstenberg Verlag

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-8369-5200-2 (Hardcover)
  • Preis: 16,90 € [D] 17,40 € [A]
  • Seiten: 512
  • Sprache: Deutsch
  • Ausgabe: Deutsche Ausgabe
  • Erscheinungstermin: 01. Juli 2008
  • Genre: Historischer Roman, Jugendbuch
  • Reihe: Mayfield, Band 1
  • Original: Schijnbewegingen | De Fontein, Baarn | 2005
  • Übersetzer: Rolf Erdorf

Meinung

Buchcover, die schon beim Ersten hinsehen einen Eindruck vermitteln, sind gut. Cover, die eine doppeldeutige Interpretation liefern, sind noch viel besser. Man sieht eine minimalistische Strichzeichnung von Adrian, wie er etwa auf einem Bett oder auf einem Podest in Pose sitzt. Etwa zwischen Laken?
Die Doppeldeutigkeit, die dieses Cover mit sich bringt, gefällt mir im Nachhinein ausgesprochen gut. Anfänglich war ich nur von der Einfachheit begeistert. Doch nach Beendigung des Buches erschien es perfekt und stimmig.
Was leider weniger gut ist, das Buch hat keinen Schutzumschlag. Und bei weißen Büchern kann man da aufpassen, wie man will, sie bleiben einfach nicht weiß. Sehr schade, aber dafür glänzt der Inhalt um so heller.

London eignet sich als Kulisse schon ziemlich gut. Nicht weniger gut, als jeder andere Ort dieser Welt, doch verbindet man mit London eben eine gewisse Erwartung von den bereits bekannten Sehenswürdigkeiten und so weiter. Und wenn es dann auch mal in der Zeit weit nach hinten geht, wie in diesem Buch – nämlich 1884 – ist die Kulisse natürlich besonders wichtig für den Leser. Schließlich hat man zu dieser Zeit selbst nicht gelebt und da sind detailreiche Beschreibungen und authentische Darstellungen schon unverzichtbar. Und ich denke, dass Floortje Zwigtman als Autorin hier gute Recherchearbeit geleistet hat, denn das Bild hat in meinem Kopf durchweg funktioniert. Die Beschreibungen waren ausreichend genug, um sich auch selbst noch eine eigene Vorstellung davon zu machen. Was mir als Leser natürlich auch wichtig ist.

Die Charaktere sind sehr belebt und authentisch beschrieben. In ihrer Sprache, ihrem Ausdruck, ihrer Gestik und Mimik, einfach alles. Sie sind durchweg perfekt dargestellt und beschrieben. Die Kleidung, ihre Haltung. Ich könnte hier noch vieles mehr aufzählen, aber das wäre einfach zu viel.
Die Autorin hat ein feines Händchen für historische Figuren in Verbindung mit fiktiven Charakteren. Natürlich fehlt mir einiges an Hintergrundwissen zu den historischen Figuren (etwa wie Oscar Wilde, Alfed (Bosie) Douglas, Alfred Taylor), aber kurze Suchanfragen haben zu Tatsachen der Handlung geführt. Das bestätigt für mich, dass dieses Buch weitestgehend stimmt.
Beim Lesen ist es manchmal verwirrend, die Personen zu trennen, weswegen ich das Dramatis Personae hinten im Buch jedem Leser nur empfehlen kann. Dort sind nämlich alle noch mal auf einem Blick zu finden.

Ein Buch, in dem Personen wie Oscar Wilde vorkommen, dürfte natürlich auch sehr mit Lyrik gefüllt sein. Was auch tatsächlich der Fall ist. Mir gefiel die Mischung der verschiedenen Ferse, die in die Geschichte mit einfließen und aus welchem Grund sie mit einfließen.
Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen und beflügelt. Sehr anschaulich beschreibt sie die Situationen, manchmal hält sie auch kein Blatt vor den Mund, was wieder zu einem glaubwürdigen Sprachbild führt.
Jede zauberhafte Zeile, die ich in diesem Buch lesen durfte, war ein Lesegenuss.
Manches hat mich mit einem Gefühl zurückgelassen, wo ich zunächst das Buch für einen Augenblick zur Seite legen musste, um es sacken zu lassen. Die vielen markieren Sätze kann ich leider nicht zitieren, deswegen gibt es hier einen ganz langen:

Mein Schädel steckte voller Worte. Heimtückischer, verführerischer Worte, die sich zwischen alten, zerlesenen Buchdeckeln verbargen, bereit, einen zu überfallen, sobald man das Buch zu öffnen wagte. Sie konnten dich bezaubern, dir schmeicheln, Angst einjagen, dich in Schwierigkeiten bringen und verrückt machen, haargenau wie Menschen. Aber anders als bei Menschen nahm man ihnen das nicht übel. Selbst wenn sie einen zum Weinen brachten, taten sie das auf so schöne Weise, das man ihnen dafür dankbar war.

Seite 235, übers. Rolf Erdorf.

Wer nach diesem Absatz nicht schwach wird und zu diesem Buch greift, verpasst echt was.
Dieses Buch war für mich eine Reise in das London Ende 1800, was schon besonders war. Was aber noch viel besser war, war die Geschichte und wie sie sich entwickelt hat.
Ich konnte mir ungemein viele Notizen für Nachforschungen machen, einfach, weil mein Wissensdurst so groß wurde und meine Neugierde gleich mit.
Die Sprache ist das wohl größte Kriterium, warum ich mich so in dieses Buch verliebt habe.
Meine Wunschliste an klassischer Literatur (oooh ja, und wie sie darin vorkommt!), wurde auch nicht kleiner!

Bewertung

Wenn ein Buch mit solcher Thematik und solcher Tiefe beeindrucken kann, kann es nur gut sein. Natürlich gibt es Stellen, die sich etwas in die Länge gezogen haben, aber ich habe mich davon nicht einschüchtern lassen, trotz zwischenzeitlicher Unlust, zu lesen.

Cover

5

Gestaltung / Aufmachung

3

Kulisse

5

Charaktere

5

Idee / Aufbau

5

Spannung

5

Komplexität

4

Emotionen

5

Schreibstil / Lesbarkeit

5

Eigene Meinung / Empfindung

5

Durchschnittliche Bewertung

4,7

Fazit

Man sollte sich die Mayfield-Trilogie vielleicht wirklich mit Zeit durchlesen, dem Geschehen aufmerksam verfolgen und auch zwischen den Zeilen lesen. Man kann aus diesem ersten Teil schon so viel mitnehmen. Und ich hoffe wirklich, dass dieser Teil eine würdige Fortsetzung hat, die ich ebenso gerne lesen möchte.

Mich würde natürlich mal interessieren, wer dieses Buch bereits gelesen hat und wie es euch so gefallen hat. Gerne lese ich auch ein paar Denkanstöße zum Thema.

Floortje Zwigtman verzaubert mit Sprache und Geschick. Eine sehr anmutige Geschichte über den jungen Adrian Mayfield in einem Leben aus Tabus.

6 Kommentare

  • Nenatie sagt:

    Hallo Henni 😀
    da ist deine Rezi ja und sie ist klasse. Jetzt bin ich völlig überzeugt und werde das Buch sicher auch lesen! Und sehr klasse finde ich das man das Buch auch versteht ohne viel Hintergrundwissen zu den historischen Personen!

    Liebe Grüße

    • Henrik sagt:

      Hallo Nenatie,

      es freut mich, dass dich meine Rezension zu dem Buch so überzeugen konnte! 😀
      Wenn du es dann hoffentlich irgendwann gelesen hast, freue ich mich auf die Meinung!

      Es ist von Vorteil, wenn man sich dennoch etwas dafür interessiert, sich Hintergrundwissen zusätzlich anzueignen, während oder nach dem lesen. Aber er ergibt sich aus dem Buch, weil man ja doch immer nebenher etwas nachsieht. (Ich mach das zumindest so.) 😀

      Liebe Grüße
      Henrik

  • mancheeey sagt:

    Oh man, ich möchte diese Reihe schon sososo lange lesen ? Bin nur bisher nie dazu gekommen sie mir zu holen bzw ist sie mir eher schenken zu lassen. Sieht man einfach nicht wirklich im Buchladen ☹

    LG,
    Saskia

    • Henrik sagt:

      Hallo Saskia,

      entschuldige die späte Antwort! Aber ich kann dir den ersten Teil zumindest schon mal ans Herz legen!

      Das „nicht sehen im Buchladen“ ist schade! Aber man kann es sicher in die Buchhandlung bestellen, so habe ich es auch gemacht. Fragen kostet nichts. 🙂

      Liebe Grüße
      Henrik

  • Thomas Moritz sagt:

    Hallo Henrik,
    durch Zufall bin ich auf Deine Homepage »zuendegelesen« gestoßen. Zunächst einmal finde ich es als Buchliebhaber ganz prima, dass sich jemand die Mühe macht, Bücher nicht nur zu lesen (was ja eigentlich nicht u,nbedingt eine Mühe sein muss), sondern über sein Leseerlebnis auch noch zu schreiben. Wenn einer das regelmäßig macht, braucht er schon ein bisschen Disziplin und Durchhaltevermögen – vor allem wenn (was ich nicht weiß) die Zahl der Echos möglicherweise nicht so hoch, wie man es sich erhofft hat (aber kann ja sein, da irre ich). Also, kurz zusammengefasst: Gratuliere zu diesem Engagement und außerdem zu der prima gestalteten, sehr übersichtlichen Homepage! 🙂
    Besonders habe ich mich darüber gefreut, Deine positive Rezension über eiens meiner Lieblingsbücher »Ich, Adrian Mayfield« zu lesen. Ich habe dieses Buch in einer Provinzbuchhandlung entdeckt undes mir sofort gekauft, nachdem ich den Namen der Autorin wahrgenommen hatte. Zuvor hatte ich nämlich ihr Buch »Wolfsrudel« gelesen, das ich großartig fand. Auf die Fortsetzungen der Geschichte von Adrian habe ich dann mit großer Spannung gewartet; den dritten Band habe ich mir dann sogar vor dem ERscheinen in deutscher Sprache in der holländischen Originalversion gekauft (obwohl ich Holländisch gar nicht verstehe, also jedenfalls nicht so, dass ich es flüssig lesen könnte, aber es reichte immerhin soweit, dass ich das Wichtigste verstehen konnte). Zu diesem Zeitpunkt war ich dann auch schon mit Floortje Zwigtman per E-Mail in Kontakt und habe mich mit ihr über dieses Buch und ihr damals neues Projekt ausgetauscht. – Ich will keinem Leser und keiner Leserin jetzt zuviel Spannung vorwegnehmen, aber es gab eine Sache, die mich etwas enttäuscht hat: Die Liebesgeschichte zwischen Adrian und Vincent endet nicht glücklich. Leider! Ich fand es sehr schade, dass diese gegen alle damaligen Konventionen entstandene Beziehung scheitert. Vielleicht wärte das Gegenteil zu utopisch gewesen, so endet die Geschichte allzu »vernünftig«, wie ich finde. Was meinst Du?
    Ich abonniere mal auf jeden Fall Deine Beiträge – mal sehen, ob wir wieder einmal etwas voneinander hören/lesen.
    Liebe Grüße
    Tom

    • Henrik sagt:

      Hallo Tom!

      Du hast mich mit deinem Kommentar echt sprachlos gemacht! Vielen herzlichen Dank für deine Mühe! Ich freu mich sehr über dein Feedback. 🙂

      Mich würde mal Interessieren, welcher Zufall dich hier her geführt hat, gerne auch privat per Mail bzw. Kontaktformular über meine Kontakt-Seite.

      Mayfield hat sich tatasächlich zu einem Lieblingsbuch entwickelt, ich bin zwar ’nur‘ beim ersten Band bisher, aber ich möchte sehr gerne weiter lesen. Gerade lese ich „Das Bildnis des Dorian Gray“. Schuld daran ist die Autorin mit ihrer verdammt guten Geschichten, sie hats mir schmackhaft gemacht! Und ich habe das Gefühl, der Geschichte mehr Leben zu schenken, wenn ich erwähnte Titel ebenfalls lese. Das ist ein ganz besonderes Leseerlebnis.

      Was die Fortsetzungen angelangt, wie gesagt, dazu kann ich noch nichts sagen. Ich bin froh, dass du nicht mehr verraten hast. Was du hier als enttäuschender Punkt erwähnst, ist für mich von Beginn an ein realistisches Szenario. Das wird sich noch zeigen. Ich werde meine Eindrücke ganz bestimmt teilen. Falls nicht, frag mich gerne danach!

      Das du mit der Autorin E-Mail Kontakt hattest, erfreut mich sehr, in diesen Genuss kam ich nicht. Aber ich freue mich, dass du es mir erzählt hast.

      „Wolfsrudel“ kenne ich noch nicht, auf deine Empfehlung hin schaue ich es mir mal näher an. Vielleicht kommt das auf meine Wunschliste.

      Ich würde mich freuen, mit dir in weitrem Austausch zu stehen und freue mich über alle Wege auf kleine und große Nachrichten.

      Liebe Grüße
      Henrik

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