Rezension Zusammen werden wir leuchten

22.07.2016
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»Zusammen werden wir leuchten« ist ein Jugendbuch von Lisa Williamson und ist 2015 erstmals auf Deutsch im S. Fischer Verlag erschienen.

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Inhalt

Es ist Davids vierzehnter Geburtstag und als er die Kerzen ausbläst, ist sein sehnlichster Wunsch … ein Mädchen zu sein. Das seinen Eltern zu beichten, steht auf seiner To-do-Liste für den Sommer – gaaaanz unten. Bisher wissen nur seine Freunde Essie und Felix Bescheid, die bedingungslos zu ihm halten und mit denen er jede Peinlichkeit weglachen kann. Aber wird David jemals als Mädchen leben können? Und warum fasziniert ihn der geheimnisvolle Neue in der Schule so sehr?

Quelle: S. Fischer Verlage

Buchinfo

  • ISBN: 978-3-7335-0076-4 (Paperback)
  • Preis: [D] 12,99€ [A] 13,40€
  • Seiten: 384
  • Sprache: Deutsch
  • Auflage: 1. Auflage
  • Erscheinungstermin: 10. Dezember 2015
  • Genre: Jugendbuch
  • Original: The Art of Being Normal | Faber and Faber Ltd. | 2015
  • Übersetzer: Angelika Eisold Viebig

Meinung

Die erste Situation im Buch ist David Pipers Geburtstag. Man begegnet diesem Charakter und lernt gleich die Familie kennen. Das Seltsame daran ist, dass er sich auf seiner eigenen Feier nicht wohlfühlt. Eher sieht er sich darin bestätigt, unbeliebt zu sein, weil alle anderen geladenen Gäste erst gar nicht erschienen sind. Nach dieser Einführung stellte sich mir die Frage: Wird das eine Geschichte, in der es darum geht, einem pubertierenden Jungen dabei zu begleiten, wie er seinen Frust an der Welt auslässt? Das ließ keinen positiven ersten Eindruck bei mir zurück. Ich wollte trotzdem offen bleiben für alles, was noch kommen sollte. Als plötzlich Leo – ein neuer Charakter – im Fokus stand, war ich verwirrt. Eine kleine Recherche hat ergeben, dass es um zwei Jungen geht. Der entscheidende Hinweis war der Klappentext im englischen Original „The Art of Being Normal“. Der Leser wird also vorab darauf aufmerksam gemacht, dass es zwei Handlungsstränge gibt. Im Deutschen hat man das nicht für nötig gehalten und den Fokus ganz anders gesetzt. Diesen Hinweis hätte ich mir dennoch gewünscht.

Dieser Wechsel zieht sich durch das ganze Buch. Einige Kapitel lang liest man aus der Sicht von David und dann von Leo. Es hat eine Weile gedauert, zu begreifen, dass es zwischen den beiden Handlungen Parallelen gibt. Andeutungen waren zwar genügend vorhanden, diese fühlten sich aber eher wie Vermutungen an.

Trotz des verwirrenden Starts muss ich dem Buch zugutehalten, wie sich die Charaktere weiterentwickelt haben, im Laufe der Handlung. Jeder bekommt seine eigenen, individuellen Raum. Es gelingt beim Lesen, die beiden – David und Leo – langsam kennenzulernen. Es entpuppt sich als ziemlich interessant, vor allem, weil man gerne immer weiter gelesen hätte, aber erst den anderen Teil lesen musste, bevor es aus der anderen Sicht weiter ging. So bleibt die Handlung spannend, weil man natürlich wissen möchte, wie die beiden Leben miteinander verwoben sind.

»Er sieht hoch, und mir verschlägt es fast den Atem, denn, wow, was ich gerade in der Schlange gehört habe, war total falsch. Leos Augen sind überhaupt nicht irre, sondern wunderschön. Sie sind fast hypnotisch, als blicke man in ein Kaleidoskop – meergrün mit goldbraunen Flecken um die Pupille. Sie wirken unglaublich intensiv, als könnten sie dir in die Seele blicken oder so.«

Seite 40, Kapitel 7

David ist ein Junge, der viel von Ängsten geplagt ist. Weil er ein Mädchen sein möchte, fühlt er sich nicht wohl und ist sehr angreifbar. Er hat Träume und ist hoffnungslos in Zachary Olsen verliebt. Zachary ist ein Freund von Harry Bearmont, ein typischer Footballspieler auf der Eden Park Schule. Zusammen mit seinen Anhängern suchen sie sich Leute, die sie ärgern können. David ist für sie leichte Beute. „Freakshow“ ist sein Spitzname. Darauf reagiert er nur selten und wenn, dann zur falschen Zeit. David denkt, dass das Leben anderer Leute besser ist als seines, weil er nicht normal sein kann. Zum Glück hat David seine beiden besten Freunde Felix und Essie, die ein Paar sind. Mit ihnen kann er über alles reden. In der Schule sind sie immer zusammen, sie nennen sich „Die Nonkonformisten“ – sie gehören nirgends dazu.

Leo gibt sich nach außen hin ganz gelassen. Ihn scheint gar nichts zu beeindrucken. Er ist auf der Schule ein Mysterium, um den sich Geschichten wie Sagen und Legenden ranken. Diese nutzt er zu seinem Vorteil, da sich die Schüler von ihm fernhalten und er die meiste Zeit seine Ruhe hat. Sie haben Angst vor ihm und halten ihn für irre, doch eigentlich ist Leo das genaue Gegenteil von einem gefährlichen Typen. Zu Hause merkt man, dass er ein sehr angespanntes Leben hat, in schlechten sozialen Verhältnissen. Zwischen Armut und täglichem Streit bleibt wenig Zeit für ein vernünftiges Gespräch mit seiner Mutter. Sie ist den ganzen Tag arbeiten oder geht weg, um sich neue Kerle aufzureißen. Leo versucht währenddessen herauszufinden, wie er seinen leiblichen Vater finden kann. Denn er hat nur einen Namen und ein Bild. Reicht das aus?

Auffällig ist, dass zwischen den beiden Protagonisten eine soziale Kluft herrscht, welche im Buch nur selten direkt angesprochen wird. Beide denken, dass der andere ein besseres Leben führt – doch äußern sie es nie. Daran ist aber auch sicher die Verschlossenheit von Leo gegenüber anderen Schuld, die solche Gespräche nicht wirklich zulässt. Was sehr schade ist, weil eigentlich ist Leo ein ziemlich guter Charakter, der durchaus hätte mehr sein können.

»›Freundschaft ist kein Schimpfwort, Leo.‹ ›Ich soll teilnehmen?‹ (…) ›Woran soll ich denn Teilnehmen?‹ (…) ›Am Leben, Leo. Ich möchte, dass du anfängst, am Leben teilzunehmen.‹«

Seite 123, Kapitel 19

Das Buch ist ziemlich jugendlich und leicht geschrieben. Passt daher also perfekt zur Zielgruppe. Statt einer „Coming-out“-Story hätte ich mir eher etwas gewünscht, was in die Richtung Aufklärung geht. Es ist wichtig, alle Facetten eines Lebens zu kennen, aber mindestens ebenso wichtig ist es, aufzuklären, um Missverständnisse vorzubeugen und vor allem die Toleranz zu fördern. In diesem Buch gab es durchaus Stellen, die selbst mir – als offenen und toleranten Menschen – noch zeigen konnten, dass ich längst nicht alles weiß. Aus der Tatsache heraus, dass die Autorin mit Transgender zusammengearbeitet hat, wird mir ein bisschen wenig Wissen vermittelt.

Die Geschichte bietet reichlich Abwechslung. Zwischen den einzelnen Leben der Charaktere gibt es noch unvorhergesehene Wendungen, die die Gedankenwelt durcheinanderwirbeln. Der Alltag in der Familie, in der Schule, eigene Wünsche und Bedürfnisse. Es prasselt so viel auf einen herein. Die Transsexualität steht dabei immer wieder im Vordergrund, da sie im Leben der Jungen dominiert. Liebe, Freundschaft und Familie. Was davon ist normal, wenn ich nicht normal bin? Warum kann ich nicht normal sein? Vor allem, als es darum geht, sich zu verlieben und mit dem „Geheimnis“ große Probleme zu verursachen. Um so mehr passiert ist, desto spannender wurde es. Wie geht es weiter?

Ich bin zudem sehr froh, dass die Geschichte keine Meinung aufdrückt und jemanden abstempelt. Sie ist so geschrieben, dass sie zum Nachdenken anregt und zeigt verallgemeinert, wie das Leben von Transgender aussehen kann. Für mich ist es an vielen Stellen aus eigener Erfahrung nachvollziehbar. Gerade die Ängste, sich zu öffnen und selbst zu sich zu stehen, trotz einer anderen Sexualität und das Wohlfühlen im eigenen Körper, das sind Dinge, die für einen großen Anteil der Menschen sehr selbstverständlich ist, aber nicht verstanden wird, wenn es nicht so ist.

Cover

3

Gestaltung / Aufmachung

3

Kulisse

4

Charaktere

4

Idee / Aufbau

4

Spannung

4

Komplexität

2

Emotionen

4

Schreibstil / Lesbarkeit

4

Eigene Meinung / Empfindung

3

Durchschnittliche Bewertung

3,5

Fazit

Lisa Williamsons Werk ist sehr wichtig auf dem deutschen Buchmarkt, da es eines der wenigen bekannteren Bücher ist, in dem es um Transsexualität geht. Davon sollte es viel mehr geben. Nicht nur für die jugendliche Zielgruppe. Es sollte zur Normalität werden, dass Transsexuelle in Geschichten vorkommen, ohne große Erklärungen ablegen zu müssen.

Welche Bücher kannst du empfehlen, in denen es um Transsexualität geht?

Auf der Suche nach der Definition von Normalität gibt es tolle Geschichten wie diese.

2 Kommentare

  • Lauretta sagt:

    Lieber Henrik,

    ich möchte dir mal sagen, wie zauberhaft ich diese Rezension finde!
    So wie du es beschreibst, klingt es nach einer Geschichte, die man nicht oft in Büchern findet, der allerdings mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Dass dieser Roman nun auf deinem Blog erscheint, tut einiges dafür.
    Durch deine Erfahrung hast du mein Interesse definitiv auf ein Buch und eine Thematik gelenkt, mit der ich mich vorher nur am Rande beschäftigt habe. Das sollte sich nun ändern.

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    • Henrik sagt:

      Hallo Lauretta,

      es freut mich, dass ich dein Interesse für dieses Buch bzw. die Thematik wecken konnte!

      Vielen Dank für die lieben Worte!
      Henrik

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